Schon lange frage ich mich, warum die Politik vor den Rating Agenturen hockt wie das Kaninchen vor der Schlange!
Rating Agenturen analysieren die Kreditwürdigkeit von Gläubigern. Also insbesondere wie wahrscheinlich es ist, dass der Gläubiger seinen Kredit zurück zahlen kann.
Dies ist ein Dienstleistung für Kreditgeber. Diese berechnen die Kosten eines Kredits und damit die Zinsen. Im wesentlichen bestehen die Kosten aus Kapitalkosten und Risikokosten.
Ein Beispiel um den Zusammenhang mit dem Rating Agenturen zu verdeutlichen. Die A-Bank vergibt an 1000 mittelständige Unternehmen einen Kredit von je 1 Mio. € für 10 Jahre. Sie vertraut auf das Urteil der Rating Agentur Bitch. Bitch bewertet das Ausfallrisiko aller 1000 Unternehmen mit 1% für diese Laufzeit. Bitch sei eine hervorragende Agentur und liegt mit seiner Bewertung richtig. In den zehn Jahren werden dann tatsächlich etwa 10 der 1000 Gläubiger zahlungsunfähig. Da aber die A-Bank auf Bitch vertraut hat, hat sie eine Risikovorsorge für den erwarteten Verlust von 1% getroffen und somit für die Ausfälle ausreichend vorgesorgt.
Der einfachen Rechnung halber habe ich für alle Gläubiger die gleichen Zahlen angenommen. Dieser erwartete Verlust lässt sich auch leicht für beliebige Kredite berechnen. Wir sehnen hier die Sinnhaftigkeit von gut analysierten Ratings für die Risikovorsorge einer Bank.
Rating Agenturen erfüllen einfach eine Dienstleistung. Sie sind weder das Problem, noch deren Ursache oder Lösung.
Neben dem erwarteten Verlust gibt es noch den unerwarteten Verlust. Die Rating Agenturen geben ein isoliertes Urteil über einen Gläubiger ab. Was passiert jedoch, wenn im Kreditportfolio der A-Bank 20 Gläubiger von der Automobilbranche abhängen. In einer Konjunkturkrise könnten hievon vielleicht 5 ausfallen. Dann hätte die A-Bank 15 statt 10 Kreditausfälle zu verkraften. Die 1% Risikovorsorge reicht nicht mehr aus. Dieses unerwartete Risiko berechnet eine Bank, bzw. sie schätzt es eher ab, mit Hilfe von Portfoliomodellen. Fallen alle Gläubiger gleichzeitig aus, ist die Bank immer Pleite. Sie rechnet daher aus, wie hoch die Risikovorsorge sein muss, um höchstens einmal in z.B. 2000 Jahren pleite zu gehen.
Soweit sehen wir, eine Rating basierte Risikovorsorge ist sinnvoll und praktikabel. Bei Unternehmen!
Schauen wir uns jedoch das gleich mit Staaten an. Die A-Bank habe ein Portfolio in Staatsanleihen des €-Raums. Wenn nun eine Risikovorsorge entsprechend des Ausfallrisikos anlegt wird, wird dies nie auch nur annähernd die realen Verluste treffen. Auch dann nicht, wenn wir theoretisch unterstellen, die Rating Agenturen lägen in ihrer Einschätzung richtig.
Dafür gibt es zwei Gründe.
1. Es gibt nur 17 €-Länder. Die relative Häufigkeit von Zahlungsausfällen entspricht nur bei großen Zahlen der Ausfallwahrscheinlichkeit. Die Berechnung eines erwarteten Verlustes ist somit schon mathematisch unsinnig.
2. Der Ausfall von Staaten der Euro Zone ist hochgradig korreliert. Die volkswirtschaftlichen Folgen eines Staatsbankrotts ziehen die anderen Euro Staaten mit in die Krise. Wäre bei Island und Griechenland nicht massiv eingegriffen worden, so wären längst auch weitere Länder an der Zahlungsunfähigkeit alleine schon weil sie ihr Bankensystem retten müssten. Der unerwartete Verlust bei Staatsanleihen ist daher eine Funktion, welche von 0 auf 1 (Totalverlust) springt.
Rating basiert lässt sich daher keine praktikable Risikovorsorge treffen, welche dazu führte, das im Falle eines Kreditausfalles von €-Staaten die Banken diese ohne volkswirtschaftliche Verwerfungen tragen könnten.
Tatsächlich orientiert sich der Marktzins, welche Staaten bei der Kreditaufnahme zahlen müssen, jedoch an der Ausfallwahrscheinlichkeit, welche Rating Agenturen, in der Regel durchaus seriös und richtig, berechnen. Dies hat zwei Verwerfungen zur Folge, eine ökonomische und eine politische.
- Tendenziell überschuldete Staaten müssen immer höhere Zinsen zahlen. Dies führt in eine Abwärtsspirale, welche zwangsläufig in die Zahlungsunfähigkeit oder das massive eingreifen multinationaler Institutionen mündet.
- Politisches Handeln wird immer stärker aus den sogenannten Sachzwängen des Marktes bestimmt. Dies ist ein ernst zunehmendes Problem, da es eine faktische Demontage unserer Demokratie darstellt.
Vielfach ist zu hören, die Politik müsse das Vertrauen der Märkte zurück gewinnen. Sie sollte sich vor allem darum kümmern das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zurück zu gewinnen.
Nun könnte ich mein Beitrag bis hier her in der Frage zusammenfassen: “Politiker so geht das nicht, wieso liefert Ihr Euch und uns den Finanzmärkten aus?”
Doch wie könnten die Staaten aus dieser Abhängigkeit heraus kommen? Da tragfähige Risikovorsorge bei Staatsanleihen nicht möglich ist, ist mein Vorschlag:
Alle €-Länder verpflichten sich Anleihen nur zum risikolosen Zinssatz plus einer kleinen Marge zu begeben.
Man mag einwenden, dann werden sich keine Investoren finden, welche die heute hoch verschuldeten Staaten refinanzieren. Und dass dann die meisten Staaten der €-Zone in kurzer Zeit zahlungsunfähig sind.
Auf kurze Sicht ist das nicht von der Hand zu weisen. Hier schlage ich ein Eingreifen der EZB vor. Diese soll unbegrenzt fällig werdende Verbindlichkeiten der €-Länder refinanzieren, so dies am regulären Kapitalmarkt nicht möglich ist. In keinem Fall darf die Zentralbank Neuverschuldung der Staaten tragen. Auch darf sie keine Schulden erlassen, den dies wäre gleichbedeutend mit dem drucken frischen Geldes. Die negativen Wirkungen hiervon sollten uns aus der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts noch geläufig sein. Ferner müsste eine Vorrangstellung festgeschrieben werde. Staaten müssen zunächst die Schulden bei der Zentralbank auslösen, bevor sie Kredite vom Kapitalmarkt in ihren Haushalt einstellen dürfen. Diese Regel würde die Haushaltspolitik effektiv disziplinieren. Im Gegensatz zu den bisherigen Stabilitätskriterien der €-Zone.
Man könnte weiter einwenden, dass bei meinem Vorschlag sich viele Staaten auch langfristig nicht am Kapitalmarkt finanzieren könnten. Dies könnte mit einer Einschränkung politischer Handlungsfähigkeit und evtl. sozialen Spannungen in den betroffenen Ländern einhergehen.
Dem halte ich zwei Aspekte entgegen.
- Durchbricht die Politik den Negativkreislauf von höherer Verschuldung und höheren Risikozinsen, so hat sie einen substanziellen Schritt in Richtung nachhaltiger Haushaltspolitik getan und wird alleine dadurch wieder für Investoren attraktiv.
- Es gibt massiv Liquidität im Finanzmarkt. Lebensversicherer z. B. müssen monatlich Milliardenbeträge anlegen und wissen zur Zeit nur nicht wohin damit. So kommt es, dass Deutschland und die Niederlande Kredite zu Null-Zinsen aufnehmen können. Die private Altersvorsorge funktioniert gar nicht ohne sichere Staatsanleihen! Nicht nur die Staaten brauchen die Finanzmärkte. Die Finanzmärkte brauchen genauso die Staaten und ihre Anleihen.
Daher liebe Politiker, seit mutig und legt das Heft des Handelns wieder in demokratische Hände!
Die Ratings sind wichtig um eine Markttransparenz zu erhalten. Durch ein schlechteres Rating, steigt das Risiko des Verlustes, dies allerdings bedeutet mehr Rendite. Also ein Chance. Warum wird die komplette Geldwirtschaft und ihre Marktregeln gerade aus den Angeln gehoben? Eine Versicherung, die bei Verlust haftet, obwohl der Anleger sich des Risikos auch bewusst sein sollten, sind sich nun sicher, irgendwie bekommen sie ihr Geld.